Abnehmspritzen und Nährstoffmangel – ein unterschätztes Problem
GLP-1-basierte Medikamente wie Semaglutide oder Tirzepatide haben die Adipositastherapie grundlegend verändert. Die Gewichtsreduktion ist oft beeindruckend – 10 – 20 % des Körpergewichts sind in Studien keine Seltenheit.
In der Praxis zeigt sich jedoch zunehmend ein Problem, das in der öffentlichen Diskussion bisher wenig Beachtung findet: Nährstoffdefizite während der Therapie.
Warum es unter GLP-1-Therapie zu Mangelzuständen kommen kann
Die Medikamente wirken über mehrere Mechanismen:
- Appetithemmung im Hypothalamus
- verzögerte Magenentleerung
- reduzierte Kalorienaufnahme
Die Folge ist gewünscht: Patienten essen deutlich weniger.
Das Problem:
Viele Patienten reduzieren die Menge der Nahrung, ohne die Qualität der Ernährung zu verbessern.
Damit sinkt automatisch auch die Zufuhr wichtiger Nährstoffe.
Zusätzlich treten besonders zu Beginn der Therapie häufig gastrointestinale Nebenwirkungen auf:
- Übelkeit
- Völlegefühl
- Erbrechen
- Durchfall oder Obstipation
Auch diese Symptome können die Nahrungsaufnahme weiter einschränken.
Welche Nährstoffe besonders häufig betroffen sind
Ernährungsanalysen bei Patienten unter GLP-1-Therapie zeigen häufig eine unzureichende Aufnahme von:
- Protein
- Ballaststoffen
- Calcium
- Eisen
- Magnesium
- Kalium
- Cholin
- Vitamin A
- Vitamin C
- Vitamin D
- Vitamin E
Am häufigsten wird Vitamin-D-Mangel diagnostiziert.
In einer retrospektiven Analyse zeigten sich Nährstoffdefizite bei:
- 12,7 % der Patienten nach 6 Monaten
- 22,4 % nach 12 Monaten
Proteinmangel – der unterschätzte Faktor
Ein besonders relevantes Problem ist die zu geringe absolute Proteinaufnahme.
Viele Patienten essen weniger Fleisch, Fisch oder Milchprodukte, weil diese Lebensmittel bei reduzierter Magenkapazität schneller satt machen.
Dadurch kann trotz scheinbar „ausgewogener Ernährung“ die tägliche Proteinmenge zu niedrig sein.
Mögliche Folgen:
- Verlust fettfreier Muskelmasse
- Abnahme der körperlichen Leistungsfähigkeit
- erhöhtes Risiko für Sarkopenie bei älteren Patienten
Während einer Gewichtsreduktion liegt der sinnvolle Proteinbedarf häufig eher bei
1,2–1,6 g/kg Körpergewicht pro Tag.
Auswirkungen auf Knochen und Haare
Ein rascher Gewichtsverlust kann zusätzlich folgende Effekte haben:
Knochenstoffwechsel
Mögliche Folgen:
- reduzierte Knochenmineraldichte
- erhöhtes Frakturrisiko
Besonders gefährdet sind:
- postmenopausale Frauen
- ältere Patienten
- Patienten mit Vitamin-D- und Calciumdefizit
Haarausfall
Bei einigen Patienten tritt telogenes Effluvium auf.
Mögliche Auslöser:
- schneller Gewichtsverlust
- Proteinmangel
- Eisenmangel
- Zinkmangel
- Vitamin-D-Defizit
Der Haarausfall ist meist vorübergehend, kann jedoch für Betroffene sehr belastend sein.
Was Patienten unter Abnehmspritzen beachten sollten
Eine erfolgreiche und sichere Therapie sollte immer auch die Ernährung berücksichtigen.
Wichtige Punkte sind:
1. Ausreichende Proteinaufnahme
- regelmäßig proteinreiche Lebensmittel
- ggf. Ergänzung durch Proteinshakes
2. Mikronährstoffreiche Ernährung
- Gemüse
- Nüsse
- hochwertige Proteinquellen
- mineralstoffreiche Lebensmittel
3. Krafttraining
Muskeltraining hilft
- Muskelmasse zu erhalten
- den Grundumsatz zu stabilisieren
- den Knochenstoffwechsel zu unterstützen.
4. Sinnvolle Laborkontrollen
Bei längerfristiger Therapie können folgende Parameter sinnvoll sein:
- Blutbild
- Ferritin / Eisenstatus
- Vitamin B12
- Folat
- Vitamin D
Fazit
GLP-1-basierte Abnehmmedikamente sind ein bedeutender Fortschritt in der Behandlung von Adipositas.
Damit die Therapie langfristig erfolgreich und gesundheitlich sinnvoll bleibt, sollte sie jedoch nicht nur pharmakologisch, sondern auch ernährungsmedizinisch begleitet werden.
Eine gute Gewichtsreduktion bedeutet nicht nur weniger Körpergewicht – sondern auch eine stabile Versorgung des Körpers mit allen wichtigen Nährstoffen.
Quelle
- DocCheck Redaktion.
Abnehmspritze: Nährstoffmangel auf Rezept?
https://www.doccheck.com/de/detail/articles/52969-abnehmspritze-naehrstoffmangel-auf-rezept